Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellung mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein koennten, sie so zu sehen, wie sie sind.
Samuel Johnson
Bevor ich mein Zuhause verliess vor neun Monaten, fragten mich viele, oder ich selber fragte mich, wozu und wofuer ich eigentlich reisen wollte. was macht das auch fuer einen sinn? ich verliere ein jahr kostbarer jugend, in dem ich haette so viel studieren, freiwillige arbeit haette leisten, oder auch im familienunternehmen unterstuetztend haette arbeiten koennen. aber ich entschied mich fuer das reisen. eine reise nach australien und neuseeland, fuer manche ein unglaublich sinnlos verschwendetes, unproduktives jahr. ich war verunsichert; ich verteidigte mich mit der aussage, ich brauche noch zeit um herrauszufinden, was ich wollte in meinem leben, obwohl, wenn ich es ehrlich bedachte, noch nicht einmal genau wusste, was dies eigentlich meinte. die aussage glich eher den bekannten aussagen, die man eben so hoert, das sagen viele, wenn sie ein „unbeschaeftigtes“ jahr nach ihrem schulabschluss nehmen. konnte ich wirklich beim verrichten sogenannter „niedriger arbeit“ auf den feldern australiens meine bestimmung finden?
ich kann sie immer noch nicht benennen, meine sogenannte bestimmung, ich glaube nur eine leise ahnung bekommen zu haben von dem wer ich bin, und was ich will; unter anderem auch dank der arbeit auf dem feld…
zu dem „verlorenen jahr“ kann ich nur sagen, dass es fuer mich keineswegs verloren scheint, eher ein dreifacher gewinn. ich hatte die moeglichkeit, ein jahr kostbarer erfahrung als auslaender in einem fremden land zu reisen, zu arbeiten und einfach zu leben. zu hause kann ich mich an ein leben mit relativ geregeltem ablauf erinnern, von der schule bestimmt, seit der kindheit dreizehn jahre ungefaehr wissend, was einen jeden tag erwarten kann, gegen ende immer mehr und mehr die grosse freiheit ersehnend und deshalb vielleicht auch gleich das andere ende der welt zum reisen ausgewaehlt. ich habe beeindruckende landschaften gesehen, inspirierende leute gtroffen, grossartige persoenlichkeiten erlebt, ueber mich selbst was erfahren, arbeitserfahrung sammeln koennen und rausgefunden, dass es nicht immer warm ist in australien. ich will nicht damit sagen, dass neun monate eine lange zeit ist, nein ueberhaupt nicht, oder dass ich weise geworden waere und vorstellung mit wirklichkeit komplett ausgleichen kann, aber ich hatte die chance, ein selbstgefuehrtes, selbstbestimmtes leben zu erleben, mein leben, mit dem ich anstellen kann, was immer mir in meiner fantasie vorschwebt. ich weiss nicht, ob das anderen leuten so bewusst ist, oder ob ich einfach nur etwas langsam bin, aber mir kam es doch recht schockierend vor, als mir auffiel, dass ich nicht sagen kann, oder auch das recht haette zu sagen:“ich haette so gern das leben meines freundes so-und-so. der reist so viel, der engagiert sich so viel fuer die umwelt, fuer politisches, der ist ein toller aktiver, denkender mensch.“ nein, wir alle haben die gleiche „grundausruestung“, zwar mit unterschiedlichen gegebenheiten und vielleicht moeglichkeiten oder starthilfen, jedoch liegt es an uns was wir daraus machen. ich traf einen witzigen, symphatischen japaner, der wenig schlief, freiwillige arbeit im australischen busch verrichtete, wenn er ins hostel kam mit allem eifer mandarin zu lernen und als ich ihm sagte, dass ich mir seltsam vorkaeme, wenn ich mich und ihn vergleiche, irgendwie nutzlos und unbeschaeftigt, da sagte er mit einem schulterzucken:“it’s your choice“.
jetzt muss ich leider einen krassen themenwechsel einlegen; dieser blog ist schliesslich dafuer da von reisen zu berichten und nicht von meinen sonstigen gedanken, wobei es mir fast keine andere moeglichkeit bleibt erzaehlungen von reisen und gedanken zu kombinieren, da es speziell gegen ende fast nicht mehr auseinander windbar ist, ich stehe wieder am anfang vor einem grossen wechsel, die „complete deleat“ taste ist tief gedrueckt und die platte leer.
aber davor muss ich noch erzaehlen was nach ostern geschah.
das pirates also, fuer mich wohl auf ewig ein platz, wo man nur gutes erleben kann:) wir hatten eine verrueckte zeit mit schweden, die als sie gingen mein herz im kofferraum mitnahmen, eine gute zeit mit alten freunden, die trotz veraenderungen immer noch die alten waren, was beruhigend war zu wissen, heimatsgefuehle erweckende momente, als wir am strand lagen und die letzten sonnenstrahlen vor dem herbst einsogen, durch den allwoechentlichen markt liefen und die sonntag nachmittag one-dollar-one-dollar schnaeppchen ergatterten und im hinterhof auf der swing- schaukel baumelten. doch irgendwann kam die erinnerung wieder, dass ich zu einem bestimmten zeitpunkt in adelaide sein musste, da meine mari endlich einfliegen wuerde.
also mieteten wir, vier abenteuerliche deutsch, uns ein auto und fuhren durch die weltbekannte weingegend „margaret river“, auf dem weg nach sueden, wo es immer kaelter wurde. ich wollte nicht mit dem flugzeug nach adelaide, da ich die nullabor wueste, die auf dem landweg von perth nach adelaide liegt, sehen und ueberqueren wollte. meine deutschen freunde wollten nur fuer wenige tage einen ausflug in den sueden machen und danach wieder perth zurueckkehren, konnten mich aber im sueden aussteigen lassen, sodass ich mitfahrgelegenheiten weiter in richtung adelaide finden konnte. auf dem weg sahen wir das wohl gewaltigste meer ueberhaupt, meterhohe wellen und obendrauf lebensmuede surfer. mit einigen „winetastings“ gestaerkt liess sich auch der 60meter hohe riesen baum besser erklimmen, bei dem die australischen ranger es wohl nicht fuer notwendig ersahen, naehere sicherheitsvorherkehrungen zu trffen, und die besuchen ihn einfach besteigen zu lassen, auf einer metall leiter, die sich wie eine wendeltreppe ohne gelaender um den stamm nach oben wand. wri verbrachten die regnerischen abende auf campingplaetzen in unserem auto, alle vier zusammengequetscht im kleinen golf, karten spielend und den guten wein kostend, den wir auf der fahrt ergattert hatten.
nach ein paar tagen stieg ich in albany, einem kleinen 25.000 seelen staedtchen aus und meine freunde fuhren weiter gen pirates. haette ich wissen koennen, welch verwirrende zeit auf mich hier wartete, haette ich wohl dreimal ueberlegt, ob ich nicht doch dem am horizont verschwimmenden auto hinterher haette rennen sollen. aber ich blieb und es war gut so.
kurz zusammen gefasst traf ich zwei russland deutsche, die versuchten mein russisch aufzubessern und sich sehr russisch verhielten, indem sie mich all ihren freunden vorstellten, alles mit mir teilten und wir sozusagen in kuerzester zeit drei musketiere wurden. ich fuehlte mich an die zeit in der neunten klasse erinnert, als wir nach viernheim fuhren und eigentlich nur rumhingen. der unterschied war, dass wir uns in australien befanden und dass die jungs eine aeusserst nette, verrueckte, des oefteren im psychedelischen geisteszustand befindende, ausgelassene und auf mich faszinierende homosexuelle clique kennengelernt hatten, und wir nach einem tag und auf der couch des einen freundes wohnend wiederfanden. jeder der jungs hatte fuer mich etwas ganz besonderes, eine neue welt oeffnete sich mir und manchmal kam ich mir vor wie alice im wunderland, mit offenem mund durch eine neue umgebung laufend, kaum begreifend, was sie sieht. angus.
in albany besteht eigentlich keine moeglichkeit weg zu kommen, ausser man besitzt unmengen an geld, die man fuer zug oder busfahrten ausgeben moechte. da dies nicht der fall war, hatte ich keine andere moeglichkeit, als auf eine mitfahrgelegenheit zu warten, wobei ich hoerte, dass da schon manch einer enttaeuscht wurde, da weit und breit niemand durch albany zu fahren schien oder es zu verlassen.eines morgens, ich war fast verzweifelt, traf ich einen kanadischen koch, der mir den beliebten satz „no worries“ ganz neu erklaerte, wir zum entspannen fischen gingen, filme schauten, speisten wie die koenige und als alles vorbei war ich am naechsten tag aufwachte und wie ein wunder eine mitfahrgelegenheit, wenn auch nur fuer 500km, mit einer schwarz gelockten israelin, der liebenswerten adva, meiner sis, fand, in windeseile meine sieben sachen packte und ab ging die post. obwohl die post hoffentlich sichere fahrer beschaeftigt als die liebe adva… wir fuhren nach esperance, was nahe vor der nullarbor wueste liegt, und nach zwei tagen, die ich das aller erste mal etwas krank im bett verbrachte, nahmen mich zwei franzoesinnen in ihrem schnuckeligen camper mit nach adelaide.
fuenf tage durchfahren; aufstehen in der frueh, fahren als wollte man den horizont erreichen, provisorisch kochen, ins bett fallen und schlafen.
wieder in adelaide angekommen, war ich froh noch einige der japaner und taiwanesen vorzufinden, die einige wochen vorher auch schon da gewesen waren. freundlich wurde ich mit einem becher wein und selbstgedrehten zigaretten empfangen. und nach zwei tagen warten konnte ich endlich zum flughafen fahren und die mari abholen. ein seltsames gefuehl, eine freundin neun monate nicht zu sehen und ploetzlich vor sich stehen zu haben. die welt von zuhause mitgebracht in die kleine welt von australien.
wir verbrachten einen tag nur mit reden, reden, reden und leckerem essen kochen mit unseren taiwanesischen freunden. fuer den naechsten tag schon hatten wir eine tour gebucht nach kangoroo island, mit seiner atemberaubenden landschaft, tierwelt mit seeloewen, kangaroos, aller arten von voegeln, koalas und pinguinen, und der abenteuerlichen schifffahrt. fuer die ca. drei wochen, die wir zusammen hatten, hatten wir geplant ein auto zu mieten und langsam an der kueste von adelaide, ueber melbourne und die hauptstadt canberra nach sydney zu cruisen. so weit, so gut, jetzt sind wir in sydney und verbringen unsere letzten zwei tage! soeben hab ich realisiert was das bedeutet und muss das jetzt leider noch geniessen, schreibe aber wann anders ueber die letztenzwei wochen.hilfe, die zeit rennt!