Ich schaue verschlafen auf die Uhr neben meinem Bett; es ist vier Uhr morgens in der früh und neben mir packt ein Koreaner seine Sachen, um zur Arbeit zu gehen. In ein paar Minuten wird es auch für mich Zeit sein mich aufzuraffen und mich auf einen langen und anstrengenden Arbeitstag vorzubereiten. Doch noch habe ich ein Weilchen Zeit um zu realisieren, wo ich mich gerade befinde, und was die letzen Tage so schnell und wie im Flug geschehen ist.
Als ich mit dem Flugzeug in Melbourne ankam, kam ich eigentlich mit dem Vorhaben, ein schönes Zuhause zu suchen, sowie einen Job und noch einmal für ein paar Wochen ein sässiges Leben zu führen wie in Fremantle zu Beginn der Reise.
Doch es sollte alles anders kommen, denn Melbourne war alles andere als wie vorher von allen prophezeit wunderschön und toll; ich zumindest hatte das Gefühl, gleich in diesen Menschenmassen erdrückt zu werden wenn ich noch längere Zeit dort verbringen würde. Alles war anonym, im Hostel unmöglich Leute kennen zu lernen, jeder nur damit beschäftigt, sich in der Stadt mit Kommerzen einzudecken. Das mag negativ klingen, aber nach der Zeit in Neuseeland, man kann schon fast sagen „ausgeklingt“ aus der Gesellschaft mit den gewöhnlichen Werten wie einem guten Bett in einem schönen Haus, fühlte ich keinen Drang mehr, mir die neuesten Klamotten zu beschaffen und mich flirtend durch die Hochhäuser zu bewegen. Also zog ich nach einer Nacht im Stadtzentrum um ins Strandviertel St. Gilda, wo ich mir ein kleines Fremantle Gefühl erhoffte; glaube ich zumindest…
St. Gilda ist recht schön, es gibt viele kleine Kaffees, vegetarische Restaurants und der Strand ist nie weit. Ein langer Steg führt ins Meer hinaus und den ganzen Tag stehen dort Angler und versuchen ihr Glück. Am Nachmittag, fast schon Abend, ging ich ins Internet Cafe und kam irgendwie auf die Idee, nach Adelaide weiterzuziehen. Ich überlegte, ob ich Melbourne noch einige Tage die Chance geben sollte, sich von einer besseren Seite zu zeigen, doch dann siegte das Argument dass das Leben zu kurz ist um sich zu quälen und zu beschweren, reisen sollte die Möglichkeit geben, flexibel, spontan und glücklich zu sein. Wenn es an einem Ort nicht gefällt, dann ist er wohl nicht dafür bestimmt sich dort aufzuhalten. Es gibt so viele schöne Plätze, und da macht es doch keinen Sinn, sich an einem aufzuhalten, an dem man sich nicht wohlfühlt, oder??
Also buchte ich einen Bus gleich für den nächsten Morgen nach Adelaide. Die Fahrt lange aber unterhaltsam. Ein Mitreisender war Andree, der um die fünfzig jährige, tattoowierte , seit vierzig Jahren in Australien lebende Deutsche, pures Gras Rauchende, weil er meint Taback wäre schlecht für ihn, in einer Band spielende Songwriter, hart aussehend, aber wenn man seine Texte liest, meint, ihm mitfühlend auf die Schulter klopfen zu müssen, da sich in seinem Kopf alles um verlorene Lieben und starke Gefühle dreht. Ja, das ist Andree, aber ich konnte ihm nicht sagen wie sehr der Unterschied zwischen seinem Aussehen und seinem Innern ist und bekam nur ein „Wow, you´re a songwriter“ raus… „Metall“ war übrigens die Musikrichtung, die er und seine Band spielten.
Ein anderer Passagier mit dem ich Bekanntschaft machte, war der japanische Kazu, der lange bequeme asiatische Fischermannhosen trug und immer nervös mit seinem Lippenpiercing spielt, braungebrannt und stets darum bemüht sich im englischen verständlich auszudrücken und nach einem Statement immer mit so weit es geht grossen Augen mitfühlend fragte :“You understand??“
Doch von der lustige Natur der Japaner und Koreaner sollte ich in den nächsten Wochen noch mehr bekommen, da ich mich am Ende der Busfahrt entschied, mit Kazu in ein Hostel zu kommen, das um die 90% von Asiaten bewohnt und preisgünstig ist, anstatt das überaus reizende Angebot Andrees anzunehmen, in seiner Hütte zu wohnen, mit dem kleinen Kräutergarten im Hinterhof. Wir versprachen uns aber „in touch“ zu bleiben…
Wir kamen Abends in der Dunkelheit in Adelaide an, es war noch sehr heiss vom Tag was schon einmal einen symphatischeren ersten Eindruck machte als Melbourne. Der Besitzer holte uns vom Busbahnhof ab und die erste Frage war, ob wir morgen arbeiten wollten; Kazu wollte nicht, ich aber wollte und so hatte ich nach ein paar Minuten alles, was ich brauchte; Arbeit, ein zwar abgegammeltes aber cooles Hostel und Freunde. Adelaide war von Anfang an freundlich zu mir!

(Kurzer Einwurf: hier wird grade „cat empire“ gespielt; wenn ihr die Möglichkeit habt, hörts euch mal an! Ich sitze auf dem Sofa, Labtop auf dem Bauch und meine beiden grossen Zehen wippen enthusiastisch zur Musik. You cant stop moving, baby!!)

Zurück mit den Gedanken im Bett um inzwischen halb fünf Uhr morgens…
Nichts von der Stadt in der ich geschlafen hab bisher gesehen, ausser ein paar dunklen Strassen die ich am Abend noch versucht hatte zu erkunden, nach wenigen Minuten aber so vollkommen verwirrt und verirrt war sodass ich aufgab und es für schlauer glaubte, in das Hostel zurückzukehren, in dem man sich beim ersten Betreten mit der schäbigen Einrichtung wie in einem Flüchtlingslager fühlt; vielleicht einem Luxus Flüchtlingslager, but still…
Verschlafen also schaue ich erneut auf die Uhr, verschlafen auch raffe ich mich auf und putze mir die Zähne; fürs Frühstück ist keine Zeit. Unser kambodschanische Arbeitgeber steht schon hupend und mit einem Gesicht, von dem man nur lesen kann: „rein ins Auto schnell sonst werd ich sehr wütend“ vor der Tür. Ich fühle mich wie ein polnischer Spargelstecher, wir sollen husch husch schnell ins Auto, keiner kennt des anderen Namen, um die zwanzig dunkle Gestalten verteilen sich in zwei Fiats und ab geht die Post; im Dunkeln verlassen wir die Stadt, in vollgepackten Gefährten, Leute auf dem Dach sitzend, clandestina, in Richtung der Weinberge.
Einige unglaubliche Arbeitstage folgen, und auch wenn man nicht viel Geld bekommt bei der Traubenernte, würde ich es doch immer wieder machen, allein dieser Erfahrung wegen.
Wir verlassen jeden Tag die Stadt vor Sonnenaufgang, ernten Trauben ohne zu wissen wann die nächste Pause ist in einem Tempo als ginge es um unser Leben, fahren irgendwann wenn die Hitze langsam nachlässt zurück in Richtung Stadt, fallen erschöpft aufs Bett und bis wir uns geduscht und einen Bissen gegessen haben, ist es wieder dunkel, der Supermarkt hat geschlossen und wieder ist ein Tag vergangen, an dem ich in einer Stadt schlafe, die ich nicht kenne. Trotzdem war ich in diesen Tagen glücklich und guter Laune wie schon lange nicht mehr.
Die Weinberge liegen wunderschön irgendwo im Inland Australiens, wir sehen jeden Tag den Sonnenaufgang über den Hügeln, sehen, wie sich langsam das Licht verändert, der Nebel von der Sonne getrocknet wird und genau dann ist der Moment, wenn wir anfangen zu arbeiten. Der schönste Morgen war, als es nieselte. Wir standen auf den Hügeln, schnitten die ersten Trauben und langsam kam die Sonne. Nach einer Weile erschien ein Regenbogen, wie ich ihn noch nie vorher gesehen hatte; klar, alle Farben, von einem Horizont zum anderen, so riesengross.
Aber nicht nur die Landschaft beeindruckte mich; am ersten Tag arbeiteten wir mit indischen Studenten zusammen und ich hatte gen Nachmittag eine meiner witzigsten Unterhaltungen.
Den Studenten schien langweilig zu sein, die Sonne brannte, die Arbeit war anstrengend, wir hatten kein Wasser mehr, und so entschieden sie sich, die Situation mit ihrer Lieblingsmusik zu versüssen. Harte Kerle, immer am flirten, selbst beim Traubenpflücken in Hemd mit Kragen, bewusste dass der Mann das wichtigere Lebewesen ist, erklang aus ihren Handys klagendes, wimmerndes, von Liebe erzählendes Geheul. Man kennt diese Musik aus den Bollywood Filmen, die immer das selbe Genre haben; Herzschmerz, Heirat und Helden. Ich stand in den Reben und dachte mir einmal mehr, wie schön es ist, andere Kultur und Sitten kennenzulernen…
Als sich ein Inder gedachte, mit dröhnendem Handy zu mir zu gesellen und zu flirten, war es entgültig genug; aus Verzweiflung und in der Hoffnung, er würde doch endlich die schon Schmerz verursachende Lautstärke dämmen, begann ich ihm Fragen zu stellen. Folgenden Dialog ereignete sich.

Ich: do you like this music?
Inder: yes, I love. Its very much emotional.
Ich: what are the lyrics about?
Inder: Love.
Ich: do you listen to english music sometimes as well?
Inder: yes, sometimes I like.
Ich: so what kind? 50 cent? Rihanna?
Inder: mhhhh…. I like Britney Spears, Celine Dion and Enrique Iglesias of course very much. Yes I like them. Very good music!

Innerlich vor Lachen fast platzend konnte ich nur verständnisvoll nicken und mir denken: „Ja, es gibt verschiedene Kulturen und Geschmäcker in dieser Welt”…

Die anderen Tage arbeiteten wir mit der gesamten kambodschanischen Familie unseres Arbeitgebers zusammen; eine Sippe von weiss-ich-nicht-wievielen Leuten, ich bin mir nur sicher, dass in ganz Deutschland keine so grosse Familie existiert. Unter vielen anderen Geschichten erzählten sie uns von ihrem Heimatdorf in Kambodscha, in dem man aber aufpassen müsse, mit wem man schlafe, da es sich am Ende um die eigene Cousine handeln könne. Ein lustiges und redseliges Völkchen ist das, den ganzen Tag am Plappern, nie ein einziges Minütchen Stille oder Erbarmen.

Die Ernte dauerte nur ein paar Tage, danach war ich wieder arbeitslos. Also hatte ich genügend Zeit, die Japanischen Gewohnheiten in meinem Hostel zu erforschen.
Ich traf den ersten Japaner in meinem Alter, Hiro alias Alfie, und modebewusste Koreaner, selbstbewusste Hong Konganer, zarte Japaner, etwas weniger zarte Taiwanesen und langsam schwanden meine asiatischen Stereotypen, die sich über die Jahre durch die asiatischen Touristen im heimischen Heidelberg entwickelt hatten. Mein letztes Vorurteil, nämlich dass Japaner alles andere als anders sind, schwand abrupt, als ich eines Tages nach Hause kam und das zarteste aller Japanischer Frauen an einem Tisch sitzen sah, vor ihr eine riesige Pizza und ein Bier in der Hand, ein scheues freundliches lächeln als ich vorbeilief und „guten Appetit“ wünschte. Wow.
In den zwei Wochen die ich dort blieb, lernte ich viel über asiatisches Essen, von dem es immer zur Genüge gab, über Japan, von dem mir Alfie erzählte, weil er der Meinung war, ich müsste mein nächstes Travel&Work Visa in Japan beantragen, und manchmal war ich immer noch so überrascht wie unscheinbar manche Asiaten aussehen und nach einer Unterhaltung sich zum Beispiel herausstellt, dass sie Teile der Welt, also Europa und Asiaten mit dem Fahrrad bereist haben, alles mit eigener Kraft und ohne Hilfsmittel.
An meinem letzen Abend machten wir alle zusammen Sushi und als Nachtisch gab es Eis; ein perfekter Mix der asiatischen und westlichen Kultur.

Und jetzt darf jeder drei mal raten wo ich bin. Ich hatte es mir seit ich diesen Ort verlassen hatte unzählige male überlegt, zurück zu kommen, habe es immer als meinen Lieblingsort angegeben und wohl tausendmal davon geschrieben.
Ich bin wieder ein Pirat!!
Irgendwann ich Adelaide entschied ich mich einen Flug nach Perth zu buchen und wurde nur bestätigt als ich hörte, wie viele Leute vom letzen Mal noch oder wieder hier sind. Und tatsächlich fühlte es sich so an, als würde ich in ein Zuhause zurückkommen. Eigentlich wollte ich nur eine Woche bleiben, das war letzen Freitag…
Inzwischen sind zwar alle aus dem Hostel in verschiedene WG`s gezogen, die Veränderung bietet aber nur Platz für neues und ich habe einfach mein Herz in Fremantle verloren.
Im Moment findet hier ein „Street Art“ Festival statt, die Tage über Ostern, und ich könnte den ganzen Tag damit verbringen, den Artisten beim Jonglieren auf einem zwei Meter hohen Einrad mit einem Säbel, einem Apfel und einer Kettensäge zuzusehen oder beim sich in eine winzig kleine Box quetschen. Fantastisch.
Gestern war Ostersonntag, ich stand gemütlich auf, setze mich in die swing Schaukel im Hof, strahlender Sonneschein, warmes Wetter, chillige Musik, die Cafegeräusche von nebenan und dachte mir, wie ich das vermisst hatte. Später suchten wir alle nach Schokoladenostereiern, die im ganzen Hostel verteilt versteckt waren; ein riessen SpassJ
Ich bin froh wieder gekommen zu sein und bereue es nicht!

Noch eine kleine Geschichte zum Schluss…
Gestern Nachmittag hatten wir ein BBQ am Strand geplant; lecker grillen bei Sonnenuntergang. Alles war gut, ein bildschöner Sonnenuntergang, alle stehen um ihr Fleisch auf dem Grill herum, nur die Maren is ne Ausnahme und hat lecker Kartoffeln, gegrillte Zucchini mit italienischen Kräutern, Schafskäse mit ebenfalls italienischen Kräutern, Zwiebeln und Tomaten, was natürlich alles früher fertig ist als das weniger vegetarische Fleisch.
Ich richtete mir schön meinen wirklich appetitlich aussehenden Teller, stellte ihn auf unsere Picknickdecke ein paar Meter entfernt und lief noch einmal zurück um Salz und Pfeffer zu holen. Auf einmal fingen alle an zu schreien, ich dachte mir was ist den jetzt schon wieder, bis ich begriff, dass der Grund für die Aufregung hinter mir sein musste. Ich drehte mich um und sah, wie ungefähr 5 Millionen Möwen sich um meine Zucchini mit italienischen Kräutern stritten. Als ich meinem Teller zu Hilfe kommen wollte, zeigten die bescheuerten Viecher nicht einmal den kleinsten Anschein von meinem Essen zu lassen und ich musste schreien und um mich fuchteln, bis sie einen Meter zurückwichen. Den Tränen nahe und umringt von aggressiven Möwenbiestern betrachtete ich meinen nun nicht mehr so appetitlich aussehenden Teller.